Affäre verzeihen: Psychologe zeigt den Weg zurück

Eine Affäre verzeihen – geht das? Psychologe Patric Pförtner zeigt, wie Paare nach einem Vertrauensbruch zueinander finden und wann Loslassen klüger ist.

Patric Pförtner M.Sc.

Patric Pförtner M.Sc.

M.Sc. Psychologe

(aktualisiert 2. Februar 2025)

11 Min. Lesezeit

Paar in einer emotionalen Konfliktsituation nach Entdeckung einer Affäre

Affäre verzeihen: Wenn das Vertrauen in Scherben liegt

Es ist Sonntagmorgen. Du stehst in der Küche, der Kaffee läuft durch, und dein Blick fällt auf das Handy auf der Arbeitsplatte. Eine Nachricht leuchtet auf. Du liest sie – und die Welt kippt.

Der Boden unter dir fühlt sich plötzlich an wie Treibsand. Deine Hände zittern. Der Kaffeeduft, der gerade noch Geborgenheit war, wird dir übel.

Alles, was du über eure Beziehung zu wissen glaubtest, steht in Frage. Jede gemeinsame Erinnerung bekommt einen Riss.

Und dann diese eine Frage, die sich wie ein Stachel in dein Denken bohrt: Kann ich das jemals verzeihen?

Ein Garten nach dem Sturm

Ich vergleiche das, was nach der Entdeckung einer Affäre passiert, gern mit einem Garten nach einem verheerenden Sturm. Die Beete, die ihr jahrelang gepflegt habt – Vertrauen, Nähe, gemeinsame Rituale – liegen verwüstet da. Äste sind abgerissen, Blüten zerstört, der Zaun umgeknickt.

Die Frage ist nicht, ob der Sturm schlimm war. Das war er. Die Frage ist: Wollt ihr beide in diesem Garten noch arbeiten?

In meiner Arbeit als Psychologe und Paarberater habe ich gelernt, dass diese Frage ehrlicher beantwortet werden muss, als die meisten Paare es sich zunächst zutrauen. Ich habe Paare erlebt, die nach einer Affäre eine tiefere Verbindung gefunden haben als je zuvor. Und ich habe Paare begleitet, bei denen das Loslassen der mutigere, gesündere Weg war.

Beides ist in Ordnung. Beides verdient Respekt.

Wenn der Boden unter den Füßen nachgibt

Elena saß mir gegenüber, die Hände fest um ein Taschentuch gewickelt. Ihr Mann Tom schaute auf den Boden. Seit drei Wochen wusste Elena von seiner Affäre mit einer Kollegin.

„Ich wache nachts auf und taste neben mir”, sagte Elena leise. „Und selbst wenn er da liegt, fühlt es sich an, als wäre er nicht da. Als hätte jemand seinen Platz eingenommen, den ich nicht kenne.”

Tom schwieg lange. Dann: „Ich weiß nicht, wie ich das wiedergutmachen soll. Ich weiß nur, dass ich es will.”

Was Elena beschrieb, kennt die Emotionsfokussierte Therapie als den Zusammenbruch der sicheren Bindung. Der Mensch, der dein sicherer Hafen war, ist gleichzeitig die Quelle deiner tiefsten Verletzung geworden. Das erzeugt ein emotionales Paradox, das sich anfühlt, als würdest du gleichzeitig festhalten und loslassen wollen.

Dieses Paradox ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist zutiefst menschlich.

Die unsichtbare Wunde des Betrogenen

Wenn du betrogen wurdest, passiert etwas mit deinem Selbstbild, das über die Beziehung hinausgeht. Du fängst an, dich selbst in Frage zu stellen. War ich nicht genug? Bin ich nicht attraktiv genug? Was hat die andere Person, das ich nicht habe?

Diese Gedanken sind wie Unkraut im verwüsteten Garten – sie wachsen schnell und nehmen Raum ein, der eigentlich für Heilung gebraucht wird.

Elena erzählte mir Wochen später, dass sie angefangen hatte, sich ständig mit der anderen Frau zu vergleichen. Sie durchsuchte deren Social-Media-Profile, analysierte jedes Foto, jede Geste. Es wurde zu einer Art Sucht, die sie gleichzeitig quälte und nicht loslassen konnte.

Ich bat Elena, eine Übung auszuprobieren: Jeden Abend sollte sie sich fünf Minuten hinsetzen und drei Dinge aufschreiben, die sie an sich selbst schätzte – nicht als Partnerin, sondern als Mensch. Nicht was andere an ihr mochten, sondern was sie selbst an sich mochte. Am Anfang fiel ihr kaum etwas ein. Nach zwei Wochen füllte sie ganze Seiten. Es war ein erster Schritt, ihren Selbstwert wieder zu stärken, unabhängig von Toms Verhalten.

Denn eines ist entscheidend: Dein Wert als Mensch hängt nicht davon ab, ob jemand anderes treu war.

Die andere Seite: Schuld, Scham und das Schweigen

Über den betrogenen Partner wird viel gesprochen. Über den, der die Affäre hatte, weniger – zumindest nicht mit Empathie. Und doch sitzt auch auf dieser Seite ein Mensch, der leidet.

Tom beschrieb es so: „Ich fühle mich wie jemand, der ein Feuer gelegt hat und jetzt zusehen muss, wie alles brennt. Ich will löschen, aber Elena lässt mich nicht an den Gartenschlauch.”

Was Tom erlebte, ist das, was in der Schema-Therapie als Bestrafermodus bekannt ist – ein innerer Richter, der pausenlos urteilt und keine Milde kennt. Tom bestrafte sich selbst so hart, dass er kaum in der Lage war, Elena die emotionale Offenheit zu geben, die sie brauchte.

Ich fragte Tom in einer Einzelsitzung, was er fühlte, wenn er an den Moment dachte, als Elena die Nachrichten fand. Er sagte zuerst: „Schuld.” Dann, nach langem Schweigen: „Erleichterung. Und dafür schäme ich mich am meisten.”

Diese Erleichterung ist kein Zeichen von Gefühllosigkeit. Viele Menschen, die eine Affäre hatten, leben monatelang in einem Zustand permanenter Anspannung – dem Doppelleben. Wenn es auffliegt, bricht zwar alles zusammen, aber die Last des Lügens fällt ab. Das zu benennen erfordert enormen Mut und ist ein erster Schritt zur echten Auseinandersetzung.

Warum „einfach vergeben” nicht funktioniert

Vielleicht kennst du den Satz von wohlmeinenden Freunden: „Du musst verzeihen, sonst kommst du nicht weiter.” Oder: „Vergeben und vergessen.”

Das klingt nach Weisheit. Aber es ist eine Vereinfachung, die mehr schadet als hilft.

Verzeihen nach einer Affäre ist kein einmaliger Akt. Es ist ein Prozess, der in Wellen kommt. Es gibt Tage, an denen du denkst, du hast es geschafft. Und dann hörst du ein bestimmtes Lied, riechst ein bestimmtes Parfum, oder dein Partner kommt zehn Minuten später nach Hause – und alles bricht wieder auf.

Die Gottman-Forschung zu Vertrauensverletzungen beschreibt das als „atone-attune-attach” – ein dreistufiger Prozess, der Monate bis Jahre dauern kann. Zuerst muss der verletzende Partner echte Reue zeigen, nicht nur einmal, sondern immer wieder, wenn die Wunde aufbricht. Dann müssen beide lernen, sich emotional aufeinander einzustimmen. Und erst dann kann eine neue, tragfähige Bindung entstehen.

Elena und Tom brauchten fast ein Jahr, um zu verstehen, dass Verzeihen kein Ziel ist, das man erreicht. Es ist eine Richtung, in die man geht.

Der Drache namens Eifersucht

Anna kannte das Gefühl, das Elena beschrieb – diese ständige Alarmbereitschaft. Anna und ihr Mann Markus hatten sich entschieden, nach seiner Affäre zusammenzubleiben. Drei Monate später saß Anna in meiner Praxis und beschrieb, wie jede Nachricht auf Markus’ Handy sie in Panik versetzte.

„Ich will ihm vertrauen”, sagte Anna. „Aber mein Körper glaubt mir nicht. Mein Herz rast, meine Hände werden feucht. Es ist, als hätte mein Nervensystem beschlossen, nie wieder sicher zu sein.”

Was Anna beschrieb, ist eine ganz normale Reaktion des autonomen Nervensystems. Die Entdeckung der Affäre hat ihr Gehirn in einen Zustand versetzt, den Psychologen als Hypervigilanz bezeichnen – eine erhöhte Wachsamkeit, die ursprünglich dem Überleben dient.

Ich schlug Anna und Markus eine gemeinsame Übung vor: Jeden Abend setzten sie sich zehn Minuten zusammen. Markus erzählte Anna offen von seinem Tag – nicht, weil Anna ein Recht auf Kontrolle hatte, sondern weil Transparenz in dieser Phase das einzige Gegenmittel gegen den Vertrauensverlust war. Anna übte, zuzuhören, ohne sofort nach Lücken in seiner Geschichte zu suchen. Sie übte, ihrem Wunsch nach Vertrauen mehr Raum zu geben als ihrer Angst.

Es war schwer. Es gab Abende, an denen Anna weinte. Abende, an denen Markus frustriert war. Aber nach und nach wurde diese Zeit zu einem Ritual, das nicht mehr Kontrolle bedeutete, sondern Nähe.

Wann Loslassen der mutigere Weg ist

Nicht jede Beziehung kann und sollte nach einer Affäre gerettet werden. Das zu sagen gehört zu meiner Verantwortung, auch wenn es wehtut.

Es gibt Situationen, in denen Bleiben kein Zeichen von Stärke ist, sondern von Selbstaufgabe. Wenn der Partner, der die Affäre hatte, keine echte Reue zeigt. Wenn das Verhalten sich wiederholt. Wenn du merkst, dass du dich selbst verlierst, um die Beziehung zu halten.

Elena fragte mich einmal direkt: „Sagen Sie mir ehrlich – hat das bei uns eine Chance?”

Ich antwortete ihr, was ich auch dir sagen würde: Ich kann dir nicht sagen, ob es eine Chance hat. Was ich sehen kann, ist, ob beide bereit sind, die Arbeit zu tun. Bei Elena und Tom sah ich diese Bereitschaft – bei beiden. Tom übernahm Verantwortung, ohne sich hinter Erklärungen zu verstecken. Elena erlaubte sich ihren Schmerz, ohne ihn als Waffe einzusetzen.

Aber ich habe auch Paare begleitet, bei denen einer der beiden längst innerlich gegangen war. Wo die Affäre nicht die Ursache war, sondern das Symptom einer Beziehung, die schon lange vorher aufgehört hatte zu atmen. In solchen Fällen kann eine Trennung verarbeiten und loslassen der Weg sein, der beiden die Möglichkeit gibt, wieder zu sich selbst zu finden.

Was Paare brauchen, die es schaffen

Anna und Markus sind eines der Paare, die es geschafft haben – wenn man es so nennen will. Anna würde sagen: „Wir haben nicht unsere alte Beziehung gerettet. Wir haben eine neue gebaut.”

Was diese Paare gemeinsam haben, lässt sich nicht in eine einfache Formel pressen. Aber es gibt Muster, die ich immer wieder sehe.

Da ist zunächst die Bereitschaft, unter die Oberfläche zu schauen. Die Affäre selbst ist selten das eigentliche Problem. Sie ist meistens das Symptom von etwas Tieferem – unausgesprochene Bedürfnisse, emotionale Distanz, die sich über Jahre aufgebaut hat, oder Bindungsmuster, die schon in der Kindheit geprägt wurden.

Markus erkannte in unseren Sitzungen, dass seine Affäre wenig mit der anderen Frau zu tun hatte und viel mit seiner Unfähigkeit, Anna gegenüber Verletzlichkeit zu zeigen. Er hatte gelernt, dass Männer stark sein müssen. Schwäche zeigen hieß in seiner Familie: Angriffsfläche bieten. Die andere Frau wurde zu einem Ort, an dem er sich das Gefühl erlaubte, gesehen zu werden – ohne das Risiko, von jemandem verletzt zu werden, dessen Meinung ihm wirklich etwas bedeutete.

Diese Erkenntnis war für Anna schmerzhaft, aber auch ein Wendepunkt. Plötzlich ging es nicht mehr nur um Schuld und Sühne. Es ging darum, wie sie als Paar miteinander kommunizieren wollten – über die Dinge, die wirklich zählen.

Kleine Schritte zurück in den Garten

In der Acceptance and Commitment Therapy gibt es ein Konzept, das mir in der Arbeit mit Paaren nach Affären besonders wichtig geworden ist: Werte statt Gefühle als Kompass nutzen.

Gefühle nach einer Affäre sind wie ein Sturm – sie ändern ständig die Richtung. An einem Tag fühlst du Hoffnung, am nächsten Verzweiflung. Wenn du dich nur von Gefühlen leiten lässt, drehst du dich im Kreis.

Stattdessen frage ich Paare: Was für ein Partner willst du sein – unabhängig davon, was passiert ist? Nicht: Was fühlst du gerade? Sondern: Wofür stehst du?

Elena antwortete darauf: „Ich will jemand sein, der nicht aus Angst handelt.” Tom sagte: „Ich will ehrlich sein. Wirklich ehrlich. Auch wenn es wehtut.”

Diese Sätze wurden zu ihrem Anker in den Monaten danach. Wenn Elena nachts hochschreckte und Toms Handy nehmen wollte, erinnerte sie sich: Ich will nicht aus Angst handeln. Wenn Tom versucht war, Elenas Fragen auszuweichen, erinnerte er sich: Ich will ehrlich sein.

Es waren keine perfekten Monate. Aber sie waren echt.

Elena und Tom, ein Jahr später

Als ich Elena und Tom zum letzten Mal sah, war es wieder ein Sonntagmorgen. Nicht in meiner Praxis – sie erzählten mir davon in einer Abschlusssitzung unter der Woche.

Elena sagte: „Wir haben am Sonntag zusammen im Garten gearbeitet. Echte Gartenarbeit, mit Erde unter den Fingernägeln. Und irgendwann hat Tom mich angeschaut und gesagt: Das hier erinnert mich an uns.”

Ich musste lächeln. Denn das war es, was sie getan hatten. Sie hatten ihren Garten nicht repariert. Sie hatten ihn neu angelegt. Andere Beete, andere Wege, manche Pflanzen, die vorher nie dort gewachsen wären.

Der alte Garten war unwiederbringlich verloren. Aber der neue trug bereits Blüten.

Was ich dir mitgeben möchte

Wenn du gerade in diesem Sturm steckst – ob als die Person, die betrogen wurde, oder als die, die betrogen hat – dann wünsche ich dir vor allem eines: Ehrlichkeit mit dir selbst.

Nicht die Ehrlichkeit, die gesellschaftliche Erwartungen verlangt. Nicht die, die sagt, du musst verzeihen. Und nicht die, die sagt, du musst gehen.

Sondern die leise, manchmal unbequeme Ehrlichkeit, die fragt: Was brauche ich wirklich? Und bin ich bereit, dafür zu arbeiten?

Der Garten wartet. Ob du ihn neu bepflanzt oder einen ganz neuen Ort findest – das ist deine Entscheidung. Und sie verdient Zeit.

Wenn du dir bei dieser Entscheidung Unterstützung wünschst, bin ich in meiner Online-Beratung gern für dich da.

Patric Pförtner M.Sc., Psychologe

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  • Untreue
  • Vertrauensbruch
  • Beziehungskrise
M.Sc. Psychologe Patric Pförtner
Ihr Patric Pförtner, M.Sc. Psychologe

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Hallo, ich bin Patric.

M.Sc. Psychologe, Paartherapeut und Doktorand. Ich begleite Paare, die spüren: So kann es nicht weitergehen.

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